von ukraemer | Businesscoaching
Die verspätete Freiheit
Früher war Selbstbestimmung für Frauen oft ein Projekt für die zweite Lebenshälfte. Erst wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren und die Pflicht der Erziehung erfüllt war, öffnete sich ein schmales Zeitfenster für eigene Träume. Meine damaligen Seminare waren oft der erste Ort, an dem Frauen sich die Frage stellten: ‚Und was ist mit mir?‘ – und zwar oft erst nach Jahrzehnten des Funktionierens.
Heute ist die Ausgangslage eine völlig andere: Die Erlaubnis, eigene Ziele zu setzen, ist theoretisch immer da. Doch die Herausforderung hat sich verschoben. Während Frauen früher darauf warten mussten, dass sie an der Reihe sind, müssen sie heute lernen, sich den Raum für eigene Ziele aktiv zu nehmen, ohne im ‚Mental Load‘ der Gegenwart unterzugehen.
In diesem Artikel blicke ich zurück auf diese Anfänge und zeige auf, warum der rote Faden meines Wirkens – Frauen zu einem Leben nach eigenen Vorstellungen zu bewegen – heute zwar anders aussieht, aber genauso radikal wichtig geblieben ist
Lebensgestaltung
Die Chance, mich für Frauen in der Lebensmitte einzusetzen, bekam ich mit dem Seminarmodell Neuer Start ab 35. Heute mag die Zahl 35 im Titel jüngere Leserinnen amüsieren, denn vieles hat sich nach hinten verschoben. Die Ausbildungen dauern länger, für die Karriere will erst der Grundstein gelegt sein, die Kinder kommen später zur Welt. Für die Teilnehmerinnen damals aber kam der Kurs gerade recht. Sie wollten herausfinden, wie sie die Zeit nach der intensiven Kinderbetreuung für sich nutzen wollten. Als Dozentin für Kommunikation war es meine Aufgabe, ihr Selbstbewusstsein und ihr Zielbewusstsein zu fördern.
Aus dieser Arbeit entstand später das intensive dreimonatige Seminar, in dem ich viele Jahre lang aktiv war.
Spurwechsel
Auch in Österreich wurde diese Lebensphase zum Thema. Für den neu entwickelten Kurs Spurwechsel wurde mir die Leitung übertragen. Mehrmals in der Woche kamen die Teilnehmerinnen zusammen, um ihre Entwicklungswünsche und Ziele, aber auch ihre inneren Hindernisse zu erkennen und zu bearbeiten. Da jede Frau einen eigenen Zugang zu sich selbst hat, war mein Team interdisziplinär aufgestellt: Psychologin, Malerin, Tanztherapeutin, Rechtsexpertin und ich als Kommunikationsexpertin. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen zeigten uns immer wieder, wie tiefgreifend die Arbeit wirkte. Insgesamt 18 Jahre führten wir den Spurwechsel im Auftrag der Landesregierung Vorarlberg durch und beeinflussten so den Lebensweg vieler Frauen positiv.
In Folge erhielt ich den Auftrag, für eine andere Gruppe von Frauen ebenfalls ein Konzept zu entwickeln:
Frauen 55plus
Hier ging es um das Älterwerden, die dritte Lebensphase und die damit verbundenen Fragen ging: Wer bin ich, wenn Beruf und Familienaufgaben weniger werden? Was möchte ich noch gestalten, erleben, lernen? Fragen, die heute aktueller sind denn je.
Mitverantwortung übernehmen
Da die Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, stark vom äußeren Umfeld abhängen, liegt es nahe, sich auch mit den gesellschaftlichen Bedingungen zu beschäftigen und hier eine Mitverantwortung zu übernehmen. Ich leitete die Seminarreihe
Neue Wege – Ein Konzept mit Wirkung
Ziel dieses Konzepts war es, Frauen zu ermutigen, im Vereinswesen neue Rollen einzunehmen: Sich nicht auf das Kuchenbacken und das Reinigen von Vereinsräumen reduzieren lassen, sondern auch die Kasse zu führen, Verantwortung tragen, den Vereinsvorsitz zu übernehmen. Mit großem Erfolg. Besonders stolz bin ich darauf, dass dieser Kurs die Teilnehmerinnen motiviert und gestärkt hat, ein Gespräch mit dem Oberbürgermeister zu führen. Mit ihrem Engagement konnten sie erreichen, dass der Bodenseekreis die erste Frauenbeauftragte in Vollzeit einstellte. Und nicht nur das: Die Teilnehmerinnen gründeten mit vielen Frauen zusammen die Vereinigung Frauen im Bodenseekreis.
Später bereitete ich Frauen auf politische Mandate vor, begleitete Wahlkämpfe und brachte gewählte Politikerinnen parteiübergreifend zusammen. Tief beeindruckt hat mich, wie offen und konstruktiv Frauen unterschiedlicher Parteien miteinander arbeiteten und sich auch danach im politischen Alltag unterstützten.
Businesscoaching in der Gruppe
Die Erfahrung, dass Frauen im Gespräch gemeinsam oft mehr erreichen und mutiger sind, stieß mein Projekt Gruppencoaching an. Der Austausch von sechs Teilnehmerinnen ermöglicht es, individuelle Ziele zu verfolgen von beruflicher Klärung über mehr Selbstvertrauen bis hin zu unternehmerischem Erfolg und dem Entwickeln neuer Handlungsstrategien.
Mit dem Erfolg der von mir geführten Coachinggruppen gründete ich BusinessCoaching-Netz, um Frauen überregional zu unterstützen. Coach-Expertinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in 21 Städten schlossen sich, Frauen zu helfen, ihren Berufsweg bewusst zu gestalten und berufliche Hürden zu überwinden.
Was bleibt?
Vieles hat sich durch Frauenbewegung geändert, manches leider nur im Schneckentempo. Und nicht wenige Errungenschaften geraten wieder unter Druck. Es bleibt viel zu tun. Jede Frau sollte sich Unterstützung holen dürfen, wenn sie es alleine nicht weiterkommt. Ihre Bedürfnisse sollten gehört, ihre Grenzen respektiert werden. Wir kommen nur gemeinsam voran. Solidarität unter Frauen ist kein romantischer Gedanke, sondern eine reale Kraft.
Und ebenso wichtig: Jede Frau hat ihren eigenen Lebensentwurf. Keine Entscheidung ist „richtig“ oder „falsch“, sie ist stimmig oder nicht stimmig für ihre eigene Lebenssituation.
Auf unterschiedlichen Wegen
Seminare, Workshops, Vorträge, das waren die ersten Kanäle, um Frauen zu erreichen. Nach meiner Coachingausbildung wurden der persönliche Kontakt und die individuelle Begleitung zum Schwerpunkt. Heute kann ich durch Internet und digitale Formate weit mehr Frauen erreichen, sei es über Onlinecoaching, Zoomvorträge, mit Videos und Onlinekurse. Nicht zu vergessen die Sachbücher, die ich zu verschiedenen Themen geschrieben habe, vierzehn an der Zahl, zwölf davon veröffentlicht. Alle Titel sind hier zu finden.
Was mich dabei bis heute leitet, ist unverändert: Frauen zu ermutigen, ihr Leben bewusst, selbstbestimmt und in ihrem eigenen Tempo zu gestalten.
Hier gehts zu Teil 1

