Ob im direkten Gespräch im Berufs- oder Privatleben, in der Politik oder in der Kommunikation im Internet: Es mangelt häufig an Respekt und Wertschätzung. Unterstellungen, Vorwürfe, üble Nachrede und Abwertungen anderer sind an der Tagesordnung. Eine Spirale, die sich immer weiter dreht und heutzutage nicht selten im tätlichen Angriff endet.

Was ist Respekt?
Respekt heißt, den Mitmenschen Wertschätzung entgegenzubringen, Rücksicht auf sie zu nehmen  und sie ihrer Person zu achten. Davon auszugehen, dass sie aus ihrer Sicht gute Gründe für ihre Haltung, ihr Verhalten haben und ihnen nichts anzutun oder zu sagen, was man selbst auch nicht erleben oder hören möchte. Das alte Sprichwort „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“ ist ein guter Maßstab. In Kleinigkeiten zeigt sich das schon im Alltag: Freundlich zu grüßen und zu verabschieden, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen und, wenn nötig, sich für Fehler auch zu entschuldigen.

Respektvoller Umgang bedeutet,  verstehen wollen. Zuhören, ausreden lassen, nachfragen. Es bedeutet nicht, alles hinzunehmen und zu schlucken. Doch erst, wenn ich verstanden, um was es dem anderen geht, kann ich mich damit auseinandersetzen, einen gemeinsamen Nenner finden oder mich zu positionieren.

Respekt heißt auch, Unterschiede auszuhalten, nicht die eigene Meinung als die allein gültige anzusehen und jeden auszugrenzen, der nicht ins eigene Weltbild passt.

Die Wurzeln sind Gier und Egoismus
Vor allem das Schielen auf wirtschaftliche Erfolge und der damit verbundene Zeitdruck und Stress lässt die Mitmenschlichkeit und Verbundenheit untereinander auf der Strecke bleiben.  Aber auch wachsender Egoismus und schlichte Arroganz den Wünschen anderer gegenüber bilden den Nährboden für mangelnden Respekt.

Dem Briefträger wird neu neues Viertel zugeteilt, damit keine Beziehung zu seinen Kunden entsteht. So kann er nicht wissen, dass der alte Herr im dritten Stock etwas länger braucht, bis er die Tür öffnet und erklärt das Paket schlicht für nicht zustellbar. Politikern fehlt der Blick für die Lebensrealität ihrer Bürger, weil sie sich selten dem direkten Gespräch stellen und wenn, dann mit Floskeln und falschen Versprechungen zur Stelle sind. Pflegekräften bleiben nur wenige Minuten für den Kontakt zu Patienten und Alten, obwohl die persönliche Zuwendung erwiesenermaßen die beste Medizin ist. Immer höhere Abschlusszahlen fordern Vertriebler über die Maßen heraus, was dazu führt, dass sie auf einen Abschluss drängen, der nicht zum Nutzen des Kunden ist.

Jeder wehrt sich auf seine Art
Jeder Mensch hat das Bedürfnis, beachtet zu werden. Jeder braucht Resonanz, eine Reaktion auf das, was er tut. Und jeder braucht angemessene Bedingungen, um gute Arbeit leisten und gut leben zu können.  Doch wie soll man sich wehren, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden?

Die einen resignieren und sehen sich als Opfer,  innere oder tatsächliche Kündigung oder ein Burnout sind die Folgen. Andere wiederum lassen den Frust lautstark an ihrem Umfeld aus. Zumindest in ihrer Aggression werden sie so Beachtung finden. Manch einer ist in der Lage, Missstände offen anzusprechen, doch wer seinen Arbeitsplatz behalten oder die Beziehung nicht gefährden will, schreckt davor zurück.

Die Sache mit dem Fahrstuhl
Wer nichts vom anderen weiß, neigt zu Vorannahmen. Er macht sich ein Bild und geht wie selbstverständlich davon aus, dass dieses auch der Realität entspricht. „Der Kollege hat kein Interesse am Team, sonst würde er mit uns noch ein Feierabendbier trinken.“  Im persönlichen Gespräch hätte man allerdings erfahren können, dass er seine Tochter vom Kindergarten abholt  und nach Hause bringt.

Man sagt, dass sich eine auch noch so schwierige Beziehung  ändert, wenn wir für eine Weile gemeinsam in einem Fahrstuhl fest stecken. Im (zugegebenermaßen erzwungenen) Gespräch erfahren wir mehr voneinander, von den jeweiligen Bedürfnissen, der Motivation und auch der prägenden Geschichte. Missverständnisse lösen sich auf, wenn wir bereit sind, miteinander zu sprechen.

Nur im Kontakt erfahre ich, was der andere braucht
Wenn der Vertrieb von den Arbeitsbedingungen in der Produktion erfährt, wenn Mitarbeiter das Feedback der Kunden an ihre Vorgesetzten weitergeben, wenn Patienten die Fragen stellen können, die sie umtreiben, dann fördert das die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens und trägt das zur Zufriedenheit aller bei.

Einer meiner Klienten, Direktor in einem Weltkonzern, erzählte mir, dass er sich  angewöhnt hatte, morgens, wenn er ins Büro kam, bei allen Mitarbeitern kurz in ihren Zimmern vorbeizuschauen, um ein paar Worte zu wechseln. So erfuhr er, welche Probleme aufgetreten waren und welche Verbesserungsvorschläge es gab. Manches konnte so auf schnelle Weise geklärt werden.  Die Motivation und Leistungsfähigkeit seines Teams waren bekannt. Der neue amerikanische Vorstand allerdings hielt den Direktor an, in Zukunft sein Büro am Morgen sofort aufzusuchen, ohne vorher mit den Mitarbeitern zu sprechen.

Ein Mehr an Geld und Zeit
Doch diese Rechnung geht nicht auf. Wer sich nicht um die Bedürfnisse anderer schert oder sie wissentlich übergeht, wird mehr Zeit und Geld investieren müssen, die Folgen auszumerzen. Oder schmerzlich mit ihnen leben. Geschäftspartner wechseln zur Konkurrenz, Fehlproduktionen werden nicht kommuniziert, Beschwerden von Kunden ziehen Prozesse nach sich,  Wahlen fallen anders aus als erwartet, Mitarbeiter handeln illoyal ihrem Arbeitgeber gegenüber. Sie suchen sich ein neues Unternehmen und hinterlassen eine kostspielig zu schließende Lücke. Oder verursachen Kosten durch lange Krankheitszeiten. Nicht „Zeit ist Geld“ – „Zeit spart Geld“ müsste es stattdessen heißen.

Es ist Zeit für einen Wandel
Es wäre zu leicht, der Politik, den Vorgesetzten oder den Umständen im Allgemeinen die Verantwortung alleine zuzuschieben und auf Änderungen zu pochen. Respektvoller Umgang beginnt im Kleinen. In der Familie, der Nachbarschaft, im Kreis der Kollegen. Es liegt in unserer aller Hand, das Klima zu ändern.

(Foto: Fotolia kritchanut)

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2 Kommentare

  1. Ein sehr treffender Artikel. Es wäre schön, wenn ihn die richtigen Leute lesen würden.

  2. Gerry Richter

    Ich finde den Artikel auch hervorragend und obwohl ich ein bisschen ein Technik und Social Media Nerd bin gebe ich gerade dem auch die Schuld. Unsere Jugendlichen lernen nicht mehr ordentlich zu kommunizieren, da es eh Chatbots für sie machen bzw. sie es anonym oder in wenigen Zeichen machen können und müssen (weht´s App, SMS, etc…).
    Ich wäre dafür, dass man eine Unterrichtsfach „Kommunikation“ einführt wo man alle Feinheiten wie Kommunikation funktioniert lernt.

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